Social Media, ein erster Schritt für Offene Wissenschaft

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Auf Einladung von Sachar Kriwoj und UdL Digital war ich heute morgen beim BREAK_fast und durfte als „Impulsgeber“ etwas über Social Media in der Wissenschaft in der kleinen, aber sehr angenehmen Runde erzählen. Da mir schon im Vorfeld bewusst war, dass ich der Runde nichts über die Funktionsweisen von Social Media oder irgendwelche Tools erzählen brauchen würde, hab ich die Chance ergriffen und mal den Haken zu Open Science geschlagen. Die Wendung ist nicht nur nicht besonders groß, ganz im Gegenteil sogar, sie liegt sogar recht nahe. Warum?

Wir finden in beiden Sphären, im Social Web wie auch in der Wissenschaft, zwei grundsätzlich ähnliche Merkmale. Das Social Web ist ein Netz in dem Informationen zirkulieren und Diskurse geführt werden. Das System der Wissenschaft ist dem im Grunde sehr ähnlich, denn auch hier werden Informationen geschaffen, zu Wissen aggregiert und zirkuliert. Und auch hier sind kommunikative und argumentative Diskurse immanenter Bestandteil, wenngleich man meist zwischen dem Binnendiskurs (innerhalb der wissenschaftlichen Community) und externen Diskursen (zu den „öffentlichen“ Bezugsgruppen) unterscheiden kann.

Der Einsatz von Social Media in der Wissenschaft unterscheidet sich darüber hinaus nicht sonderlich vom Einsatz in marktwirtschaftlichen Unternehmen. Es geht auch hier in erster Linie um das Erreichen der Zielgruppe und nachfolgender Effekte, die sich dann allerdings in der Wissenschaft weniger in Kaufreizen ausdrücken lassen. 😉

Ich glaube ich muss an dieser Stelle auch gar nicht von Grund auf anfangen, will aber als Überleitung noch kurz herausstellen, was Social Media für die Wissenschaft bringen kann:
  • es kann als schnelles Publikations- und Informationsinstrument dienen
  • es kann Sichtbarkeit, Authentizität und Reputation schaffen
  • es kann Vernetzung schaffen (durch Tools wie ResearchGate, Epernicus, Academia, etc.)
  • es kann Dialog und Partizipation der Rezipienten schaffen (Raum für Konversationen und Diskurse)
  • es kann für Aufklärung und Bildung sorgen und damit die Asymmetrie zwischen Experten und Laien aufweichen
  • es kann das Verständnis für den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern erhöhen

All das sind Dinge, die Social Media im Einsatz für die Wissenschaft bringen kann. Vor allem aber, bietet es einen ersten Schritt für die ÖFFNUNG der Wissenschaft! Social Media, richtig eingesetzt, sorgt vor allem für ein kommunikativ transparenteres Bild der Wissenschaft(ler). An dem Punkt lohnt sich vor allem das vor- und rechtzeitige Nachdenken über eine konsequente Fort- oder Einführung von Aspekten von Open Science. Vor allem aber gilt es, über das verzahnte Ineinandergreifen dieser einzelnen Aspekte nachzudenken – übrigens eine aufklärerische Aufgabe, dessen Umsetzung oder beratender Begleitung ich am ehesten innerhalb der professionellen Kommunikationsabteilungen sehen würde.

Ich habe im Rahmen des Gesprächs dann folgende Aspekte von Open Science herausgestellt, deren Verzahnung sinnvoll wäre (die ich zudem hier schon einmal ausführlicher beschrieben hatte):

  • Offener Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen (Open Access) durch Freie Lizenzen
  • Offener Zugang zu wissenschaftlichen Rohdaten und Tools (Open Source / Open Data)
  • Offene Kommunikation hinsichtlich der in ihr stattfindenden wissenschaftlichen Arbeitsprozesse (Forschung) sowie der systeminternen Arbeitsprozesse (Verwaltung). Hierunter fällt auch der vernünftige und offene Umgang mit dem wissenschaftsinhärenten Prozess der Falsifikation, also dem Scheitern.
  • Offener wissenschaftlicher Diskurs, der es Wissenschaftlern z.B. erlaubt (sofern diese es wollen) ihre Ideen, Arbeitsmethoden und Ergebnisse offen im Netz zu diskutieren und so auch anderen Menschen die Möglichkeit zu geben am Forschungsprozess teilzuhaben und sich ggf. auch an der Lösung des Forschungsproblems zu beteiligen.
  • Offener (also nachvollziehbarer) Begutachtungsprozesse bei Publikationen (Open Peer Review) sowie eine offene (also transparente) Behandlung von Forschungsantrags- und Förderungsvergabeverfahren.

Natürlich lassen sich all diese Dinge nicht instantan und mit einem Mal umsetzen. Ebenso wenig, wie jeder Wissenschaftler zugleich alle diese Punkte umsetzen muss. Wir müssen nach wie vor in der ausführlichen Diskussion mit allen Beteiligten jene Verfahren identifizieren, deren Umsetzung innerhalb der Interessensabwägung machbar und durchführbar sind. Zudem sollten wir stets berücksichtigen, dass es möglichst den Wissenschaftlern selbst überlassen werden sollte, sich für einen oder mehrere dieser Wege zu entscheiden – je nach „Freiheitsgrad“ dieser Entscheidung sind dann Wissenschaftler mal mehr und mal weniger offen. Ein Zwang dürfte hier der falsche Ansatz sein, eine professionelle begleitende Beratung durch die Kommunikationsprofis der wahrscheinlich tauglichere.

Bei aller Vorsicht und bei allen Vorbehalten, sollten wir aber bereits jetzt die schrittweise Umsetzung angehen und sie vor allem auch in breiterem Maße in der Planung für Forschungsvorhaben vorsehen. Besonders im Hinblick auf Zweifel und Vorbehalte hatte Jörg Eisfeld-Reschke vom ikosom einen nicht von der Hand zu weisenden Gedanken, der die optimalen Verhältnisse bei der Umsetzung von Open Science für mich recht gut trifft: bei aller Auswahl an Wegen und Tools, sollte der Wissenschaftler stets der Herr über das Verfahren bleiben. An dieser Stelle bleibt mir dann bloß noch einen Gedanken anzufügen, den ich eigentlich immer zu diesem Thema äußere: vor allem die Wissenschaftskommunikation hadert m.E. in den eigenen Prozessen mit einem der essentiellen Untersuchungsmethoden der Wissenschaft selbst – dem Experiment! Wo ist der Mut bei so vielen, einfach mal etwas auszuprobieren? Wo ist der Mut zu Scheitern, zum Lernen durch das Scheitern? Und wer sagt überhaupt, dass man Scheitern wird? Wo ist der Spaß???

Vielen Dank an Sachar, UdL Digital und alle Anwesenden für ein angenehmes Gespräch und spannende Diskussionen!

Bild: Yes we’re open by Leo Reynolds @ Flickr (cc by-nc-sa 2.0)