Developing Blogpost: Podiumsdiskussion zu Open Science in Berlin (#oaweek)

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Bild von @Helmholtz_DE (Twitter)

Heute Abend wohne ich der Podiumsdiskussion „Open Science – Chancen und Herausforderungen der digitalen Wissenschaft“ im Auditorium des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin bei, die im Rahmen der Open Access Week stattfindet. Die Podiumsdiskussion wird vom Open Access Koordinationsbüro der Helmholtz-Gemeinschaft, vom Computer- und Medienservice, der Universitätsbibliothek und dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin sowie dem Center für Digitale Systeme derFreien Universität Berlin veranstaltet. Sie soll die drei Themenfelder Open Access, Web 2.0 und die dauerhafte Zugänglichkeit von Forschungsdaten thematisieren.

Als Diskutanten sind geladen:

  • Dr. Christoph Bruch (Helmholtz-Gemeinschaft)
  • Prof. Dr. Ortwin Dally (Deutsches Archäologisches Institut)
  • Dr. Andreas Degkwitz (UB der Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Prof. Dr. Martin Grötschel (Technische Universität Berlin)
  • Dr. Jeanette Hofmann (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)
  • Dr. Angelika Lex (Elsevier)
  • Dr. Anne Lipp (Deutsche Forschungsgemeinschaft)
  • Moderation: Prof. Dr. Peter Schirmbacher (Humboldt-Universität zu Berlin)

Einführungsvortrag von Prof. Grötschel

  • Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities“ gibt es bereits seit 2003
  • auch ALLEA fördert und fordert Open Science
  • Open Access / Open Science Forderung gilt nur erst einmal für die öffentlich finanzierte Forschung, kann nicht für Firmen gelten
  • Grötschel: „Ich will alles und zwar sofort, jederzeit, überall und kostenlos zur Verfügung haben.“
  • Das Problem in der Wissenschaft liegt in den entkoppelten Benefit-Systemen, vor allem bei der Veröffentlichung:
    • beim Auto: Qualität gegen Anerkennung
    • beim Verleger: Gewinnorientierung gegen Verbreitung
    • beim Leser: Orginalität gegen Interesse (gegen Kosten)
  • bei The Cost of Knowledge setzen mehr als 12.000 Wissenschaftler Ihren Standpunkt
  • Problem: oligopolistischer Verlegermarkt mit Gewinnorientierung (Elsevier ca. 36%, Springer ca. 25-33%
  • die gängigen Citation Indizes sind eher fragwürdig, Impact Faktoren sind von den Verlagen teilweise geschönt (nach einer Untersuchung von Douglas N. Arnold und Kristine K. Fowler)
  • Blogbeispiele aus dem Web für Science im Web 2.0: Terry Tao, Tim Gowers
  • Blog der Mathematics Union, um ein Journal Rankings zu erstellen (im Kontext der Digitalen Mathematischen Weltbibliothek)
  • Grötschel fordert auch die dauerhafte Zugänglichkeit der Forschungsdaten

Diskussion:

  • Vorstellung des Podiums durch Prof. Dr. Peter Schirmbacher (Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Frage an Jeanette Hofmann: Reflektion von Open Access in der Politik
    • trotz der Initiativen und Einigungen untereinander, sind daraus keine zufriedenstellenden und zeitnahen Regelungen erlassen (unzureichende Fristen bei Artikeln, kein Ergebnis bei Monographien)
  • Frage an Christoph Bruch: positives und negatives
    • das Prinzip von Open Access wird weitgehend akzeptiert und erfährt breite Zustimmung
    • die Garantie von Qualität wird aber immer wieder angesprochen (Qualitätsfixierung)
    • „Die Wissenschaftler hängen an Verlagen, wie die Junkies an ihren Drückern“
  • Frage an Angelika Lex: Sicht des Verlages
    • Verlage sind an der Verteilung des Wissens orientiert
    • ca. 28 reine Golden Open Access Journale erscheinen (ebenso viele in Vorbereitung)
    • in 1.200 Zeitschriften kann man Artikel Open Access publizieren
    • einige Journale öffnen ihre Repositorien nach 12 Monaten
    • Infos zu Open Access bei Elsevier
    • Während Geisteswissenschaftler eher pro OA sind, herrscht bei Sozialwissenschaftlern meist Skepsis
    • nach Elsevier-Boykott hat Elsevier den engeren Kontakt zur Community gesucht, um die Wünsche besser zu verstehen (man nimmt den Boykott ernst)
    • einige Pricing-Modelle wurden bereits angepasst, viele mathematische Zeitschriften bereits vollständig offen gestellt
  • Frage an Andreas Degkwitz: Sicht der Bibliotheken
    • nahezu jede „ernstzunehmende“ Bibliothek bietet heutzutage Repositorien
    • Open Access war lange eine rein politisch-anmutende Diskussion
  • Frage an Anne Lipp: Beteiligung von Hochschulen
    • wir imitieren in den Publikationssystemen noch viel zu sehr Printmodelle
    • wir müssen endlich von den (technischen) Möglichkeiten her denken
    • wir brauchen verlässliche Anlaufstellen in den Hochschulen, die auch bei der Finanzierung helfen
    • DFG-Programm für Open Access Publizieren speziell in Hochschulen, wurde erst spärlich in Anspruch genommen – mittlerweile nutzen diese Chance gut 1/3 der deutschen Hochschulen (das Fördervolumen liegt derzeit bei 1 Million Euro)
  • Frage an Ortwin Dally: Einstellung in der Archäologen-Community
    • es gibt derzeit noch nicht viel OA-Bewegung innerhalb der Archäologen-Community, teils weil sehr viel mit Bildern gearbeitet wird (hierzu werden Modelle entwickelt, bei denen die Bilder dann herausgenommen werden)
    • man muss die Interessen der Gastländer, in denen das kulturelle Erbe (das archäologische Untersuchungsobjekt) mit bedenken
    • bei der Veröffentlichung von zu genauen Ortsangaben ergibt sich die Gefahr von Raubgräbern, die unwissenschaftlich eine Gefährdung für die archäologische Arbeit darstellen
  • Frage an Martin Grötschel: zukünftige Wege des Publizierens von Forschungsdaten
    • man testet bspw. Magazine, bei denen Algorithmen eingereicht und begutachtet werden können
    • die Mathematik ist bereits sehr offen, aber auch hier gibt es noch keinen festen/festgelegten Weg
  • Ergänzung Jeanette Hofmann
    • die Kommunikation der einzelnen Akteure (Organisationen) lässt stellenweise ebenso zu wünschen übrig
    • das HIIG plant ein Projekt, um Internetforschern einen neuen Publikationsweg anzubieten (z.B. Essays) – damit sollen nicht nur Wissenschaftler angesprochen werden, sondern auch „Praktiker“
  • Frage an Christoph Bruch: Rolle Web 2.0
    • bei den neuen Formaten ist noch nicht schlüssig, wie diese in den wissenschaftlichen Diskurs eingebunden werden sollenF
  • Reaktion Anne Lipp:
    • die Frage ist noch nicht beantwortet, ob alles wirklich archiviert werden muss
    • welche wissenschaftlichen Veröffentlichungen müssen eigentlich archiviert werden (diese Frage besteht gerade bei kurzlebiger Kommunikation innerhalb Web 2.0)
  • Reaktion Andreas Degkwitz
    • diese Medien sind noch zu jung um beurteilen zu können, was wir archivieren müssen
    • das Thema wird aber relevanter, wenn man bedenkt, dass nicht nur Äußerungen, sondern auch Diskussionen stattfinden
  • Reaktion Angelika Lex
    • mit Article of the Future versucht Elsevier schon eine neuen Weg zu gehen, um eine stärkere Verlinkung innerhalb von Forschungen voranzutreiben
    • Elsevier kooperiert mit verschiedenen Open Access Organisationen (z.B. PANGAEA) und ist offen für weitere Kooperationen
  • Reaktion Ortwin Dally (auf innovative Publikationen innerhalb der Archäologie)
    • vernetztes Arbeiten (mit anderen Wissenschaftsgebieten) ist auch bei der Archäologie sehr stark, d.h. übergreifende Daten sind hier von Interesse
  • Anmerkung aus dem Publikum: sollte man nicht ebenso über einen Aufbau von entsprechenden Infrastrukturen in den Wissenschaften, die sich um das Thema kümmern, nachdenken?
  • Anmerkung aus dem Publikum: welche Bedeutung hat Open Science für die Produktion von Wissen (z.B. in der Kollaboration)
    • Reaktion Jeanette Hofmann: hier gibt es noch große Herausforderung in der Kultur und in rechtlicher Hinsicht
    • Reaktion Angelika Lex: auch das Thema Plagiate wird hier wichtig werden
    • Reaktion Anne Lipp: DFG bietet virtuelle Umgebungen für Forschung an, die allerdings nur wenig genutzt werden
    • Reaktion Martin Grötschel: das Thema virtuelle Forschungsumgebungen ist aus  Sicht der Wissenschaftler ein zweischneidiges Schwert (viele suchen noch den persönlichen Kontakt); hier gibt es sicher kulturelle Unterschiede und es dürfte eine Frage der Gewöhnung sein
    • Reaktion Ortwin Dally: virtuelle Umgebungen spielen in der Archäologie bereits eine nicht unwichtige Rolle; in der Forschung fängt man langsam an in größeren Zusammenhängen (in wissensproduzierender Hinsicht) zu denken
  • Anmerkung aus dem Publikum: warum Review-Journals in Open Access überführen? Warum nimmt man die Sache nicht selbst in die Hand, anstelle den Verlagen das Feld zu überwachen? Warum nimmt die DFG nicht die 1 Million Euro Fördervolumen, um eine entsprechende frei Open Access Plattform zu finanzieren? Was machen Forscher aus anderen Nationen (Russland, China)?
    • Reaktion Angelika Lex: Elsevier rechtfertigt seine Kosten wieder mit Aufwand, der allerdings schwerlich nur als schwerwiegender Aufwand zählen dürfte, und Infrastruktur
    • Reaktion Anne Lipp: Open Access fördert auch die Kostentransparenz und die Diskussion über die Kosten für das Publizieren, der Weg ist aber noch lang
  • die Europäische Kommission diskutiert gerade eine Regelung für das nächste Forschungsrahmenprogramm, in der eine verbindlich Open Access Publikation für alle Forschung gefordert wird (verbindlicher als die Empfehlungen zu Open Access von DFG, Helmholtz, Max Planck & Co.)

Mein Fazit zur Veranstaltung fällt wenig überraschend aus. Das Thema Open Science wäre auch in einer vierstündigen Veranstaltung zu komplex, um auch nur ansatzweise erfolgreich diskutiert zu werden. Viele Argumente drehten sich, kein Wunder bei der Veranstaltungswoche, um den „Kleber“ von Open Science – dem offenen und barrierefreien Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnisse. Dennoch wäre eine detailliertere Diskussion der einzelnen Komponenten – also Open Access, Open Data, Open Research, Open Source – dem Ergebnis einer breiteren Öffnung der Wissenschaften zuträglich. Dennoch sind solche Veranstaltungen nicht umsonst – nicht zuletzt, um das Thema an vielen Stellen im medienorientierte Bewusstsein zu halten.

Vielen Dank an die Organisatoren!